von Arndt Zickgraf
Wer würde nicht einmal gern hinter die Kulissen von Schule schauen? Insbesondere, wenn man mit dem Gedanken liebäugelt, selbst einmal Lehrer oder Lehrerin zu werden. Mit dem Eignungspraktikum haben Studieninteressierte jetzt die Chance, die Schule als Arbeitsplatz bereits vor der Immatrikulation zu erleben. Für die Mentorinnen und Mentoren, die das Eignungspraktikum begleiten, stehen nützliche Materialien und Hilfsmittel online zur Verfügung.
Mentorin und Praktikant besprechen Schwerpunkte im Praktikum. (Foto: Stefan Arendt, LVR-Zentrum für Medien und Bildung im Auftrag der Medienberatung NRW)
Der Abiturient hegte schon länger den Wunsch, mit Kindern zu arbeiten. So lag es nahe, dass der 19-jährige Sven Bauer, Name von der Redaktion geändert, in einer Grundschule hospitieren würde. Er wollte rechtzeitig vor dem Studium herausfinden, ob ihm der Lehrerberuf tatsächlich liegt. Würde er zu dem Schluss kommen, dass er für diesen Beruf nicht geeignet ist, könnte er sich immer noch Alternativen überlegen.
Sven meldete sich beim Portal www.elise.nrw.de an, um einen Praktikumsplatz zu buchen - ELiSe steht für Eignung für den Lehrerberuf in Schule erproben. Das Portal bündelt die grundlegenden rechtlichen Informationen des Landes zum Eignungspraktikum. Wer ein Praktikum absolvieren und sich anmelden möchte, muss diese digitale Brücke zur Schule überschreiten - Anmeldungen per Telefon, Brief oder E-Mail zum Eignungspraktikum sind nämlich ausgeschlossen. So erspart das internetgestützte Anmeldeverfahren Lehrerinnen und Lehrern beträchtlichen organisatorischen Aufwand.
| Ab dem Schuljahr 2010/2011 können alle Interessierten am Lehrerberuf mit allgemeiner Hochschulreife im Eignungspraktikum die Schule als Arbeitsplatz erleben - und zwar in strukturierter Form. Das Eignungspraktikum ist der erste verpflichtende Baustein der neuen Lehrerausbildung des Landes NRW. Es ergänzt das Lehramtsstudium, ist selbst aber nicht schon Teil des Studiums. Das Eignungspraktikum als strukturierte Erstbegegnung mit Schule als Arbeitsplatz bedeutet, dass Praktikantinnen und Praktikanten in einer "Reise" von insgesamt 20 Tagen die wesentlichen Komponenten kennen lernen, die den Lehrerberuf ausmachen: die Situation der Schülerinnen und Schüler als Individuen und als Lernende, die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer, die Schule als Arbeitsplatz und erste Gelegenheiten, im pädagogischen Feld mitzuarbeiten. Das Eignungspraktikum kann blockweise oder tageweise durchgeführt werden, je nach den Erfordernissen der Schule. |
Geführte Touren zur Klärung der Interessen
Das Eignungspraktikum beginnt inhaltlich mit einer internetgestützten Selbstdiagnose. Das Ergebnis wird in einem Portfolio festgehalten, das der Reflexion der persönlichen und beruflichen Entwicklung dient. So loggte sich Sven Bauer beim Schwesterportal von ELiSe ein: http://nrw.cct-germany.de. Die Selbsterkundungstour des Career Counselling for Teachers (CCT) für Studieninteressierte enthält unter anderem eine Liste mit rund 30 typischen Aufgaben und Tätigkeiten von Lehrerinnen und Lehrern, anhand derer Sven Bauer klären kann, wie attraktiv er diese findet, beispielsweise wie gern er Schülerinnen und Schülern einen Sachverhalt erklären würde. Zunächst zeigt eine Globalauswertung die Ergebnisse in Form von erläuternden Texten und Grafiken überblicksartig an. Im weiteren Verlauf erhalten die Nutzerinnen und Nutzer vertiefende Auswertungen und Empfehlungen zu speziellen Aspekten der Eignung. Die Selbsterkundung ist kein Test, den es gilt zu bestehen. In erster Linie dient sie dazu, Klarheit über sich selbst zu gewinnen. Laut Dr. Birgit Nieskens, Expertin für Laufbahnberatung von Lehrerinnen und Lehrern am Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften der Leuphana-Universität in Lüneburg, sind neben diesen Interessen auch Kontaktfreude, Gewissenhaftigkeit und psychische Stabilität für die Eignung bedeutsam. "Es geht dabei oft um ein vernünftiges Mittelmaß", so Nieskens. Lehrer, die allzu gern viel selbst reden, könnten etwa Probleme dabei haben, Schülerinnen und Schüler angemessen am Unterricht zu beteiligen.
Das Ergebnis seiner Selbsterkundung druckte sich Sven aus und heftete es in sein Portfolio, das ihn über die gesamte Praktikumszeit bis hin zum Studium begleiten wird. Der Mentorin oder dem Mentor der Schule, an der der Abiturient hospitieren wird, braucht er das Ergebnis der Auswertung nicht vorzulegen, er muss lediglich schriftlich nachweisen, dass er die Selbsterkundung durchlaufen hat. So soll verhindert werden, dass die Fragebögen eher so ausgefüllt werden, wie es den Erwartungen an den Lehrerberuf entspricht. Dennoch: So ganz frei konnte sich Sven von diesen Erwartungen nicht machen.
| Career Counselling for Teachers - kurz CCT - ist ein internationales Laufbahnberatungsprogramm. Ziel von CCT ist es, den Lehrerberuf als attraktive Tätigkeit darzustellen und die persönliche Eignung von Interessentinnen und Interessenten zu beleuchten. Das Herz von CCT sind verschiedene internetgestützte Selbsterkundungs-Verfahren. Bei diesen handelt es sich um Tools zur Selbstdiagnose mit automatisierter Auswertung und Rückmeldung von Ergebnissen. Voraussetzung, ein Eignungspraktikum in NRW ableisten zu können, ist der Nachweis, bestimmte Selbsterkundungsverfahren aus CCT durchlaufen zu haben. Die Ergebnisse werden im Portfolio (Reflexionsteil) abgelegt und dienen zusammen mit der Fremdeinschätzung durch die Mentorin oder den Mentor als Reflexionshilfe bei der Vorbereitung auf das abschließende Praktikumsgespräch. |
Sven Bauer leistete das 20-tägige Eignungspraktikum in zwei Blöcken ab - drei Wochen vor den Herbstferien und eine Woche danach. Das hat er mit Petra Zimmer, Lehrerin und Mentorin an einer Katholischen Grundschule im Sauerland, so vereinbart. Für die Aufgabe als Mentorin wird Zimmer eine Stunde wöchentlich freigestellt. Umfangreiche Materialien zur Beratung und Begleitung im Eignungspraktikum und Gesprächsleitfäden sind für die unterschiedlichen Phasen des Praktikums, zum Beispiel für das Erstgespräch, die Zwischenbilanz und das Abschlussgespräch auf den Internetseiten des CCT (Rubrik "Für Berater/innen") verfügbar. Nieskens zufolge könnte das Erstgespräch etwa dazu dienen, über die Ergebnisse der Selbsterkundungstour zu sprechen und eigene Ideen für den konkreten Ablauf des Praktikums zu entwickeln. In den Fokus des Praktikums könnten dann in Absprache mit der Schule Themen, wie die Arbeit mit einer heterogenen Schülerschaft rücken oder die Elternarbeit.
Partner im Reflexionsprozess
Zu Beginn ihres Eignungspraktikums hat Sven Bauer in den Unterricht verschiedener Altersstufen hinein geschnuppert, eine Reihe von Lehrerinnen und Lehrern kennen gelernt. Bei einer Lehrerin schaute er sich den Unterricht genauer an. Nach zwei Wochen sprach er anlässlich der Zwischenreflexion mit der Mentorin über ihre ersten Eindrücke. Bei der Zwischenbilanz könnten sich die "Reflexionspartner", wie Nieskens die beiden Seiten bezeichnet, auch darauf verständigen, bestimmte Aspekte des Lehrerberufs genauer anzuschauen - oder auch andere Schwerpunkte im Praktikum zu setzen. Für Sven Bauer schien es schwieriger als gedacht vor einer Klasse mit vielen Kindern zu stehen: "Ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn ein Schüler etwas nicht kapiert", so der Abiturient. Das bedeutet aber an dieser Stelle noch nicht, dass er für den Beruf ungeeignet wäre. Schließlich könnten seine Stärken bei der individuellen Förderung in kleineren Gruppen liegen. Und vor allem: Zum Auftreten vor einer ganzen Klasse wird er im Studium noch Vieles lernen und in den weiteren Praktika Gelegenheit erhalten, daran zu feilen, wenn er sich für den Lehrerberuf entscheidet. Gemeinsam planten Mentorin und Praktikant die zweite Phase des Praktikums, in der Sven etwa eine Fördergruppe begleitete und den Einstieg in eine Unterrichtsreihe vorbereitete und durchführte.
Doch Petra Zimmer wollte ihrem Praktikanten nicht nur diesen Aspekt von Schule nahe bringen. "Ich habe darauf geachtet, eine Reihe weiterer interessanter Punkte ins Eignungspraktikum auf zu nehmen, beispielsweise Klassenpflegschaftsabende, Elternsprechtage, Konferenzen und die Arbeit von Kolleginnen und Kollegen an Arbeitsplänen", erläutert Petra Zimmer. Ihr Praktikant sollte erkennen, wie komplex die Anforderungen an den Lehrerberuf seien. So habe man es als Lehrerin oder als Lehrer mit unterschiedlichen, mitunter kritischen Eltern zu tun. Außerdem müsse man fähig sein, sich im Schulalltag gegenseitig Hilfestellung zu geben, im Team zu arbeiten, aber auch Konflikte im Kollegium fruchtbar auszutragen. Um ein passendes Bild von Schule zu bekommen, müsse diese von mehreren Seiten aus betrachtet werden.
Die klare Strukturierung im Praktikum ist ein Gewinn für beide Seiten, da sie eine genauere Wahrnehmung der beruflichen Tätigkeiten zulässt. Das weiß Petra Zimmer aus eigener Ausbildungserfahrung: "Als ich vor dem Studium freiwillig ein dreiwöchiges Praktikum an einer Schule absolviert habe, nahm ich eine Vielzahl von Eindrücken unstrukturiert auf." Früher setzten, so Zimmer, die größeren Praxisanteile im Referendariat zu spät ein. Man hätte sich hinter seine Fächer zurückziehen können, ohne sich mit der Rolle als Lehrerin auseinander zu setzen und sich für die Persönlichkeiten von Kindern zu interessieren. Zur Vorbereitung auf ihre Rolle als Mentorin hat Zimmer eine vierstündige Fortbildung vom Studienseminar in Siegen besucht, wobei auf den Ablauf des Praktikums eingegangen und praxisnah Materialien für Mentorinnen und Mentoren vorgestellt wurden, die über die Informationen hinausgingen, die online verfügbar sind. Als Mentorin plante sie Praktikumsstationen und begleitete die Praktikantin bei der Anlage und Pflege ihres Portfolios zur Dokumentation des Praktikums.
Unterschätzte Berufsaspekte
"Ich bin keine Berufsberaterin", sagt Zimmer. "Der Praktikant sollte selbst zur Einsicht kommen, ob er für die Ausbildung zum Lehrer das erforderliche Potenzial mitbringe". Das ist auch das Ziel der verbindlichen Eignungsberatung, die zum Ende des Eignungspraktikums durchgeführt wird. Zur Abrundung der Selbsteinschätzung der Praktikantin oder des Praktikanten stehen online Tools zur Verfügung, die sich für eine Einschätzung des Praktikanten in unterschiedlichen Situationen im Praktikum eignen. "Die Fremdeinschätzung soll von den Mentorinnen und Mentoren als Vorbereitung auf die Eignungsberatung bearbeitet werden. Es besteht aber kein Zwang dazu, den Praktikanten mit den Ergebnissen seiner Fremdeinschätzung zu konfrontieren", erläutert Nieskens von der Leuphana Universität. Empfehlenswert ist es nach ihrer Meinung, die Karten der Selbst- und Fremdeinschätzung im abschließenden Gespräch nur offenzulegen, wenn dafür auf Seiten beider Gesprächspartner eine gute emotionale Basis gegeben ist.
Sven Bauer, der Praktikant, habe, so Zimmer, seine Perspektive von dem Schüler hin zum Lehrer erfolgreich gewechselt. Er wüsste nun, dass es beim Unterrichten nicht nur um ihre Fähigkeiten als Wissensvermittler ginge, sondern auch um die Individualität der Schülerinnen und Schüler: "Wie sind die Kinder" Welche Lernvoraussetzungen bringen sie mit? Was brauche ich noch an Fachwissen und Kompetenzen, um sie individuell zu fördern?" Ihm sei jetzt auch klar geworden, dass sich der Lehrerberuf nicht nur auf die Arbeit mit Kindern beschränkt. Dass nämlich ein anderer Teil des Berufs darin bestünde, konzeptionell zu arbeiten, zu planen, zu organisieren, zu evaluieren und mit Erwachsenen zu kooperieren.
Die Balance zwischen verschiedenen Aspekten des Lehrerdaseins zu halten, beispielsweise Fachorientierung und Schülerzentrierung, mussten selbst die Profis erst erlernen. Doch nicht nur der Praktikant ist um einige Erkenntnisse reicher geworden. Er fühlt sich nach dem Eignungspraktikum bestärkt, ein Lehramtsstudium aufzunehmen. "Auch ich habe meine Rolle als Lehrerin neu reflektiert", sagt Petra Zimmer. Mehr noch: Im Kollegium habe es viele Gespräche über den eigenen Beruf gegeben. Sie sei froh darüber, dass sie jetzt schon mit jungen Leuten in Kontakt käme, die die Lehrergeneration von morgen repräsentieren. Sven Bauer hat sich entschieden: Er will ein Lehrer von morgen werden. Die Selbsterkundungstour hat er übrigens erneut durchlaufen. Diesmal nicht mit einem Seitenblick auf das, was man sich von einem Lehrer erwartet, sondern ehrlich sich selbst gegenüber.
Weitere Informationen im Internet finden Sie bei ELiSe und NRW-CCT.
Zum Seitenanfang
© 2006 - 2012 Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen
Zum Seitenanfang