Die meisten Kinder in Deutschland sind zufrieden
Wann sind Kinder glücklich? Was macht sie unglücklich? Welche Rolle spielen Schule, Familie und soziale Stellung für ihren Gemütszustand? Mit diesem Thema beschäftigen sich Wissenschaftler seit einigen Jahren und kommen zu erstaunlichen Ergebnissen. Der Experte Dr. Christian Alt gibt Auskunft.
Kindern gelingt es besser, ein Glücksgefühl zu bewahren (Foto: sonyae / istockphoto)
Seit einigen Jahren befassen sich Forscher ausgiebig mit dem Gemütszustand der Kinder, um ihrer Welt näher zu kommen. Dr. Christian Alt hat herausgefunden, dass jedes fünfte Kind in schwierigen Verhältnissen aufwächst. Dennoch: 96 Prozent der Kinder seien glücklich.
Wie finden Forscher heraus, ob Kinder glücklich sind?
Alt: In den Studien sprechen wir nicht mehr von Glückstudien, sondern von „well-being“, also Wohlfühlen. Das ist einfacher abzufragen als Glück. Glück ist nur ein Augenblick. Es passiert irgendwas und man fühlt Glück, das sind Sekundenbruchteile. Für Kinder sind solche Momente eigentlich ganz unwichtig, Kinder sind eher spezialisiert auf die Zeit nach einem bestimmten Erlebnis. Sie freuen sich wahnsinnig, wenn sie ein Förmchen, eine Schaufel oder ein Fahrrad bekommen. Sie profitieren davon, dass sie danach etwas einbauen in ihren Alltag. Die Kinder sind Weltmeister im Glücklichsein. Wir Erwachsenen streben immer nach dem kurzen Glück, Kinder können glücklich sein.
Kinder sind Weltmeister im Glücklichsein, sagt Dr. Christian Alt.
Was macht Kinder glücklich?
Alt: Es sind wenige Aspekte, die ihnen wirklich wichtig sind. Zum Beispiel, wenn etwas völlig Unerwartetes passiert: ein Geschenk oder Zeit, die man ihnen widmet. Bei Ausflügen mit der Familie sind sie wenigstens eine Zeit lang glücklich. Auch wenn sie in Urlaub fahren oder wenn sie etwas erleben können, was im Alltag nicht vorkommt. Ein Kind hat mal davon berichtet, dass ein Bekannter keine Zeit für seinen Hund hat und dass das Kind den Nachmittag mit dem Tier spielen durfte. Wir sind froh, dass wir einen Golden Retriever haben, der 1.600 Euro kostet. Das Kind ist glücklich, mit ihm durch den Garten zu turnen und der Leine hinterher zu flitzen.Wir schaffen das nicht mehr.
Machen sich Eltern und Lehrer genügend Gedanken darüber, ob unsere Kinder glücklich sind?
Alt: Ich glaube, dass sie sich wahnsinnig viele Gedanken machen, aber wir finden immer wieder heraus, dass sie sich in einer anderen Welt die Gedanken machen, als in der Welt, in der Kinder glücklich sein wollen. Wir haben es geschafft, Kinder in Watte zu packen und darüber noch eine Glaskugel gestülpt, damit den Kindern nichts passieren kann. Wenn sie bei Erwachsenen Interviews führen über eine glückliche Kindheit, dann erzählen sie von dem diesem riesigen Abenteuerspielplatz des Nachkriegsdeutschlands, sie sind durch die Vorgärten getollt, haben Obst geklaut oder haben Mofas frisiert. Eltern, die ihre Kinder heute unter eine Käseglocke stecken, haben eine freie Kindheit genossen. Kinder sind am glücklichsten unter ihresgleichen, in altershomogenen Gruppen. Dort herrscht Hierarchiefreiheit und ein dominanzfreier Zustand. Hier müssen sie verhandeln, unter ihresgleichen gute Argumente finden, damit ihre Interessen durchgesetzt werden. Dabei lernen sie am allermeisten.
Macht Schule Kinder glücklich oder unglücklich?
Alt: Kinder sind immer glücklich, wenn sie in der Schule gut sind, wenn sie gute Noten und viele Freunde haben. Aber jetzt kommt’s: Arme Kinder sind allein mit der Tatsache zufrieden, dass sie dort eine Struktur finden, die sie daheim nicht haben. Die Uhrzeit ist verlässlich, die Anforderungen sind bekannt und das Zimmer ist warm. Arme Kinder gehen viel lieber in die Schule als die reichen. Kinder wollen drei Dinge: Zuverlässigkeit, dass sie tatsächlich wahrgenommen werden und dass sie angenommen werden. Wenn sie das erreichen, dann können sie auch damit zufrieden sein, wenn ihnen Grenzen gesetzt werden. Und das erfahren Kinder aus Schichten, die wir als bildungsfern bezeichnen, in der Schule. Das hört nach der zweiten und dritten Klasse schlagartig auf. Das ist die Herausforderung an die Lehrer, mehr auf die Kinder einzugehen, die Kinder etwas mehr anzunehmen. Wobei die Grundschule das erstaunlich gut schafft, in der Sekundarstufe klappt das nicht mehr so richtig.
Es ist logisch, dass Mobbing in der Schule unglücklich macht. Was zeigen Ihre Studien?
Alt: Mobbing ist mittlerweile weit verbreitet. Etwa die Hälfte der Kinder klagt darüber, dass sie gemobbt wird. Gemobbte Kinder sind in der Regel auch diejenigen, die selber mobben. Das geht Hand in Hand und ist möglicherweise eine Eigenschaft von Kindsein. Es gibt Kinder, die durch Äußerlichkeiten, Kleidung oder Charaktereigenschaften auffallen. Die leiden dann wirklich. Wir haben zudem herausgefunden, dass etwa vier Prozent der Schüler nicht nur von Kindern gemobbt fühlen, sondern auch von Lehrern.
In einigen Bundesländern wird bereits das Fach „Glück“ unterrichtet. Halten Sie das für sinnvoll?
Alt: Erstmal finde ich das eine gute Geschichte. Ich würde das Fach niemals „Glück“ nennen, sondern eher „Anleitung zum Glücklichsein“. Ich konnte bei den ganzen Programmen aber noch nicht erkennen, dass das Anspruchniveau der Kinder zum Maßstab gemacht wurde. Der Pädagoge Jean-Jacques Rousseau hat gesagt, wenn die Ziele zu hoch sind, dann erziehen wir die Kinder zu unglücklichen Menschen. Wenn sie mehr erreichen sollen, als sie eigentlich von ihrem Potential her können. Und das ist genau das Problem in dem Unterrichtsfach Glück. Man muss sich sehr individuell mit den Kindern auseinander setzen, um herauszufinden, was sie können, was sie wollen, wie sie das machen wollen und wer ihnen dabei wie, wann und wo hilft. Das ist in den Lehrplänen bisher so nicht vorgesehen.
Welche Voraussetzungen müsste das Lehrpersonal in diesem Fach erfüllen?
Alt: So ein Fach zu unterrichten, erfordert ein sehr viel größeres Anspruchsniveau als zum Beispiel Mathematik. Ich glaube nicht, dass man das in den Klassengrößen wie derzeit üblich unterrichten kann, mit 23 bis 30 Kindern. Deswegen haben anthroposophisch ausgerichtete Schulen deutlich kleinere Klassen und mit mehr Lehrern. Bei dem Fach Glück stellen sich Lehrer einer Herausforderung, die man nicht unterschätzen darf. Man kann nicht einfach eine Formel an die Tafel schreiben unter dem Motto: Wenn ihr das macht, dann seit ihr glücklich. Das ist ein sehr individueller Prozess. Die Lehrer müssen sich auf jeden einzelnen einlassen und das kann auch an die Nieren gehen.
Einige Bundesländer unterrichten das Fach "Glück". (Foto: Christopher Pattberg / istockphoto)
Sind Kinder aus armen Familien generell unglücklicher als die aus reichen?
Alt: Wir können durchaus feststellen, dass es generell in armen Familien mit großen finanziellen Defiziten schwieriger ist, glücklich zu sein. Auch für die Kinder. Das kommt dann zum Tragen, wenn die Kinder zum Beispiel beschließen, ins Freibad zu gehen und das Kind aus der armen Familie hat das Eintrittsgeld nicht. Dasselbe gilt in der Schule. Sie können nicht auf Freizeiten mitfahren, Bücher nicht bezahlen, haben nicht das neuste Federmäppchen. Das macht natürlich irgendwann Schwierigkeiten.
Was können Lehrer dagegen tun? Alt: Die Lehrer sind mit in der Verantwortung und sie können erstaunlich viel leisten, um Ungleichheiten aufzufangen. Wir dürfen kein Kind verlieren und nehmen uns genau deswegen dieser Kinder an. Es gibt durchaus Ansätze in der Pädagogik, die mittlerweile genau darauf eingehen. Zum Beispiel mit Förderunterricht.
Kann aus einem unglücklichen Kind ein glücklicher Erwachsener werden?
Alt: Ich würde anderes herum fragen. Wenn wir Erwachsene fragen, stellen wir immer wieder fest, dass alle anscheinend eine wahnsinnig glückliche Kindheit hatten. Die Frage ist, warum sind manche Erwachsene glücklich und andere unglücklich? Wie kann man trotz glücklicher Kindheit ein unglücklicher Erwachsener werden? Und da sind wir wieder am Anfang des Interviews, beim Streben nach dem Glück. Viele setzen die Maßstäbe zu hoch an. Wir können das mit den vorhandenen Mitteln nicht mehr erreichen, deswegen gibt es viele unglückliche Erwachsene. Wir haben wirklich verlernt, glücklich zu sein mit dem was wir haben. Denken Sie an das Märchen von Hans im Glück. Der entledigt sich aller materieller Dinge, kommt zurück nach Hause zu seiner Familie und ist wahnsinnig glücklich. Jeder will die 33 Millionen im Lotto gewinnen und hat vergessen, dass er den Bedarf, den er möglicherweise hat, längst gedeckt hat.
Das Gespräch führte Susanne Schnabel
| Dr. Christian Alt, geboren 1954, vierfacher Vater. Projektleiter der Kinderlängsschnittstudie und stellvertretender Leiter der Abteilung Dauerbeobachtung und Methoden am Deutschen Jugendinstitut (DJI), München. Studium der Soziologie, Betriebswirtschaft und Psychologie an der Universität München. Promotion an der Technischen Universität München. Autor zahlreicher Schriften zu Lebensverhältnissen von Kindern. |
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