Von Frauke König und Arnd Zickgraf
Eltern machen den Unterschied (Foto: Alex Büttner)
Pflegschaften haben einen großen Einfluss auf das Schulleben. An der Realschule Stadtmitte in Mülheim an der Ruhr setzten sich die Mütter und Väter zum Beispiel für eine praxisorientierte Berufsvorbereitung ein.
Sie sind das Salz in der Suppe. Ohne die Mitarbeit der Mütter und Väter würde der Realschule Stadtmitte in Mülheim an der Ruhr die Würze, die richtige Mischung fehlen. Rund 850 Schüler besuchen die älteste Realschule der Stadt, viele von ihnen sind Kinder mit Zuwanderungsgeschichte. An der Schule wirken Eltern regelmäßig in Klassenpflegschaften und der Schulpflegschaft mit: Sie stellen Anträge in der Schulkonferenz, informieren ihresgleichen am Eltern-Stammtisch über das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom oder organisieren Vorträge zum Thema Pubertät oder Rechtsradikalismus. Dies sind nur einige von zahlreichen Aktivitäten, denen sich Elternvertreter widmen und die zeigen, wie diese das Schulleben im Alltag mitprägen. Ein Ehrenamt, das Zeit kostet, aber durchaus im Rahmen des Möglichen liegt. „Selbst wenn man beruflich stark eingespannt ist, kann man das hinbekommen“, sagt Udo Woschei, der sich seit fast acht Jahren engagiert.
Woschei gehört zu einem gemischten Elterntrio, das das Rad der Schulentwicklung besonders vorantreibt – mit unterschiedlicher Motivation. Die Vorsitzende der Schulpflegschaft, Bärbel Meyer, wurde von Lehrern angesprochen, ob sie mitmachen wolle. Ihre Tochter besucht die 7. Klasse. Udo Woschei ist der Überzeugung, dass Kinder eher Erfolg in der Schule haben, wenn Eltern „ihre Rechte auf Mitwirkung wahrnehmen“. Er ist Vater eines Sohnes in der 8. Jahrgangsstufe, ebenso wie Bernd Werdin. Werdin hatte sich „klare Ziele gesteckt“; der Referent der Landeszentrale für politische Bildung wollte sich des „Schnittstellen-Problems“ annehmen und Akzente bei der Berufsvorbereitung setzen.
Die Elternvertreter sind sich darin einig, dass die Anforderungen an Schüler in einer globalisierten Welt spürbar gestiegen sind – für sie ein Grund mehr, diese Herausforderung aktiv anzugehen, zum Beispiel mit einem Expertenabend zur praxisorientierten Berufsvorbereitung. Weil diese der Schulpflegschaft zufolge nicht früh genug beginnen kann, hat Werdin für den Expertenabend eine Art Drehbuch geschrieben. An der Veranstaltung nehmen unter anderem auch die Eltern als Koordinatoren und Spezialisten eine Schlüsselrolle ein. In der Schulpflegschaft spiegelt sich „ein Querschnitt aller gesellschaftlichen Gruppen“ wider, so Woschei. Die beruflichen Erfahrungen der Eltern nutzt die Schule für die Berufsvorbereitung der 8. Klassen. Beim Expertenabend spielt Werdin einen kurzen Film ab und stellt die Ausbildungsexperten – Eltern, Vertreter von Unternehmen, Verbänden, der Agentur für Arbeit, Auszubildende – vor. Es schließt sich ein intensiver Dialog an: Fragen zur Berufsvorbereitung werden beantwortet, Erklärungen gegeben und Hilfestellungen geliefert, so dass die Schüler ein plastisches Bild dessen erhalten, was sie in Ausbildung und Beruf erwartet. Elternarbeit, die sich in der Zukunft auszahlt.
Ein anderes Stück Elternarbeit tragen die Kinder jeden Tag an sich: die einheitliche Schulkleidung. Dieses Thema haben Elternvertreter in die Schulkonferenz getragen. Sie und die Schulleitung waren sich einig, dass eine gemeinsame Garderobe eine gute Idee wäre. Da dem Schulgesetz zufolge auch die Schüler zustimmen müssen, ging es zunächst darum, bei dieser Gruppe zu werben und dabei die Pro- und Kontra-Argumente zu bedenken, erzählt Woschei. Eltern wurden zu einem Informationsabend eingeladen, an dem ihnen Vor- und Nachteile der Schulkleidung vorgestellt wurden. Bevor die Mütter und Väter noch einmal schriftlich befragt wurden, folgte durch den Vertrauenslehrer eine Umfrage in der Schülerschaft. „Insgesamt fand das Thema einheitliche Schulkleidung große Zustimmung“, sagt Woschei – auch wenn die Lehrerschaft es zuerst kontrovers diskutiert hat. Ziel der Schulkleidung sei es, dem Markendruck entgegenzuwirken und die Identifikation mit der Schule zu steigern. Die Mühe der Elternvertreter hat sich gelohnt: Nach einer einstimmigen Entscheidung für die einheitliche Garderobe können die Schüler im Schulshop nun zwischen verschiedenen Farben und einer Winter- und Sommerkollektion wählen.
Wie die Gegenwart von Eltern im Schulalltag aufgenommen wird? Werdin meint zu spüren, dass sich sein Sohn durch die Pflegschaftsarbeit unterstützt fühlt. Während Woscheis Tochter Stolz durchblicken lässt, findet der Sohn seine Anwesenheit lästig. Diese Reaktion ist Woschei nicht fremd. „Eltern können auch lästig sein“ – das habe ein Schulleiter mal augenzwinkernd zu Elternvertretern gesagt und ihn dabei besonders in den Blick genommen, erzählt Woschei. Er lässt sich dadurch nicht von seinem Einsatz abhalten: „Man muss auch zum Beispiel in der Politik unbequem sein, wenn man die Sache der Schule erreichen will.“ Ein Satz mit Nachdruck. Scheu, dass sich sein Engagement negativ auf seine Kinder auswirke, hat Woschei nicht. Er habe noch keinerlei schlechte Erlebnisse mitbekommen. Zwar werde die Elternarbeit unterschiedlich von den Schulen gefördert, aber die „Realschule in Mülheim ist das Engagement wert“. Die Lehrer der Realschule Stadtmitte möchten die Elternarbeit nicht missen: „Eltern legen zwar den Finger in die Wunde“, sagt Schulleiter Gebhard Lürig. Diese seien ihm aber lieber als Eltern, die schliefen. Dem schließt sich auch Hildegard Krane, Lehrerin für Geschichte und Politik, an: Selbstbewusste Eltern als Mitwirkende zu haben, sei doch das Beste, was der Schule passieren könnte.
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